Empfehlungen für eine Autismus-Strategie-Bayern

Autismus-Spektrum-Störungen rücken zunehmend in das gesellschaftliche Bewusstsein. In der der ICD 10 (internationales statistisches Klassifikationssystem der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, WHO) wird Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet, bei der die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben aufgrund spezifischer Erscheinungsformen erschwert ist.


Es liegen Störungen in den folgenden Bereichen vor:


  • qualitative Beeinträchtigung der sozialen Interaktion
  • qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation
  • eingeschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen und Spezialinteressen


Nachdem die Beeinträchtigung bei den einzelnen Individuen in unterschiedlichen Ausprägungen und Schweregraden auftreten und die Übergänge fließend sind, wird heute anstelle der in der ICD-10 noch gängigen Unterscheidung der Diagnoseformen immer häufiger generell von der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) gesprochen.


Studien, die seit der letzten Jahrtausendwende veröffentlicht wurden, legen eine sehr viel höhere Verbreitung nahe (ebd.) als noch in den 1980ern angenommen. So ist aktuell eine Prävalenz von 0,9 bis 1,1 Prozent in der Bevölkerung anzunehmen (ebd., S.22).



Gemäß eines Beschlusses des Bayerischen Landtags 2018 wurde das Bayerische Staatsministerium für Arbeit, Familie und Soziales (StMAS) beauftragt bis 2022 eine Strategie zur Verbesserung der Versorgung autistischer Menschen und deren Angehörigen vorzulegen. Bis dato liegt weder auf Bundesebene noch auf Länderebene eine spezifische Strategie für die Versorgung der Zielgruppe vor.




Entwicklung von Empfehlungen für eine Autismus-Strategie-Bayern.


Gefördert duch das StMAS erfolgte die Entwicklung von Empfehlungen für eine Autismus-Strategie für den Freistaat Bayern durch die Hochschule München. Über das Entwicklungsprojekt wurden innerhalb der Jahre 2018 bis 2021 Versorgungsempfehlungen erarbeitet. Daraus lassen sich Grundsätze der Bayerischen Staatsregierung für die Versorgung von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) in Bayern ableiten. Die Erarbeitung erfolgte über einen breit angelegten Beteiligungsprozess von ausgewiesenen Fachexpert*innen und Vertreter*innen der Selbsthilfe in Bayern unter Berücksichtigung der bestehenden Versorgungsstrukturen (Leistungsträger, Leistungserbringer und Interessensgruppen) und des gesamten Autismus-Spektrums.


Dabei wurden sowohl die gegebene Versorgungssituation (IST) als auch der sich an den erarbeiteten Versorgungsempfehlungen ergebende Bedarf (Soll) aufgezeigt.



Die Versorgungsempfehlungen berücksichtigen auch die Ergebnisse der über die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) erarbeiteten S3-Leitlinie ASS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter -Diagnostik und Therapie. Darüber hinaus fließen auch Vorgaben der WHO und von Autism Europe sowie Impulse aus anderen europäischen Autismus-Strategien ein. Bei der Entwicklung wurden unter anderem folgenden Themenfelder berücksichtigt:



  • Versorgungsgrundsätze, Versorgungssystem und -netzwerke
  • Forschung (-snetzwerke, fächerübergreifend)
  • Diagnostik, Therapie (unter Verweis auf die o.g. S3-Leitlinie)
  • Selbsthilfe (-netzwerke)
  • Schule, Ausbildung
  • Integration in den Arbeitsmarkt
  • soziale Hilfen und niedrigschwellige Angebote
  • Kompetenzen und Qualifizierungsmaßnahmen (Lehre und Weiterbildung für die Fachkräfte aus dem Bereich Autismusversorgung)
  • Bewusstseinsbildende, öffentlichkeitswirksame Maßnahmen ('Autismus-Awareness')


Die Versorgungsempfehlungen berücksichtigen die verschiedenen Lebensphasen und Lebenslagen (vor dem Erwerbsleben, im erwerbsfähigen Alter und nach dem Erwerbsleben) und deren Übergänge (Transition).



Dabei steht die Verbesserung der Lebensbedingungen und -qualität des Einzelnen im Vordergrund.



Am 17.05.2021 übergab die Projektleitung Prof. Dr. Markus Witzmann gemeinsam mit Frau Eva Kunerl, Projektkoordination, den Ergebnisbericht an die Bayerische Staatsministerin für Arbeit, Familie und Soziales, Carolina Trautner.


Prof. Dr. Markus Witzmann (Mitte) und Eva Kunerl (re.) überreichen Sozialministerin Carolina Trautner (li.) den Ergebnisbericht (Foto: Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales)


Lesen Sie hier die komplette Pressemitteilung des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales .


Veröffentlichungen des Projekts

Der Ergebnisbericht wurde im Mai 2021 veröffentlicht kann über folgenden Link abgerufen werden:


Download des kompletten Ergebnisberichts.





Weitere Veröffentlichungen im Rahmen des Projektes:


  • Kunerl, Witzmann (2021): Abschlussbericht zum Online-Forum im Rahmen des Projekts "Entwicklung einer Autismus-Strategie-Bayern" an der Hochschule München. Abrufbar hier .
  • Witzmann, Kunerl, Markowetz, Lang, Ahmetovic, Schabert (2020): Befragung von nicht und wenig sprechenden Autist*innen im Rahmen des Projektes "Entwicklung einer Autismus-Strategie-Bayern" an der Hochschule München. In Kooperation mit der LMU und dem autkom Oberbayern. Abrufbar hier .
  • Schuwerk, Kunerl, Schilbach, Witzmann (2020): Bayerische Autismus-Umfrage 2019. Ergebnisbericht. In Kooperation mit der LMU und dem MPI. Abrufbar hier .
  • Kunerl, Witzmann (2020): Autismus-Strategien im europäischen Vergleich. Abrufbar hier .
  • Kunerl, Schabert, Feckl, Müller, Prommersberger, Schuster (2020). Tagungsbericht. Menschen mit Autismus in BayernAktueller Stand zur „Entwicklung einer Autismus-Strategie Bayern“. Impulse für die inhaltliche Ausgestaltung. 19. November 2019. Downlaod des Tagungsberichts.



Veröffentlichte, wissenschaftliche Qualifikationsarbeiten im Rahmen des Projektes:


  • Sollanek (2021): Multikriterielle, GIS-basierte Erreichbarkeitsanalysen zur Bestimmung (weiterer) potentieller Standorte von Autismus-Beratungszentren mit open source GIS und open data. Geringfügig veränderte Masterarbeit. Abrufbar hier .
  • Prommersberger (2020): Analyse der häuslichen, pflegerischen Versorgung von Erwachsenen mit Autismus-Spektrum-Störung. Masterarbeit. Abrufbar hier .



Quelle: DGKJP, DGPPN et al. (Hrsg.) (2016) S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Teil1: Diagnostik. (ASS S3 Leitlinie Diagnostik , Zugriff am 12.06.2018).


Fachtagung zum Projekt (2019)

Auf der Fachtagung im November 2019 wurden die Zwischenergebnisse einem breiten Publikum präsentiert und diskutiert.

Prof. Dr. Markus Witzmann

Projektleitung im Projekt Autismus-Strategie-Bayern


Eva Kunerl

Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektkoordinatorin


Dieses Projekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales gefördert

Beratung

Die Autismuskompetenzzentren bieten mit ihren Kontakt- und Beratungstellen umfassende Unterstützung und Informationsbereitstellung für Menschen mit Autismus, deren Angehörige, Partner und Bezugspersonen sowie für Fachleute.

Einen Überblick über die Zentren in Bayern erhalten Sie hier http://www.autismusberatung-bayern.de/.